KoKIA-Herbstakademie Tag 1: KI braucht die Lebenserfahrung älterer Menschen

Inhalt

KI generiert

Der Auftakt der KoKIA-Herbstakademie 2026 war geprägt von drei spannenden Impulsen, lebhaften Diskussionen und der zentralen Frage: Wie lässt sich Künstliche Intelligenz so gestalten, dass sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert? Dabei wurde deutlich, dass es wichtig ist, verschiedene Perspektiven frühzeitig in die Entwicklung und Testung von KI-Anwendungen einzubeziehen – ganz besonders die von älteren Menschen!

HumanIQ e.V.: Intergenerationelle KI-Living Labs

Der gemeinnützige Verein HumanIQ e.V. setzt dafür auf sogenannte „Living Labs“, in denen ältere Menschen und Studierende zusammenkommen und in mehrwöchigen Kleingruppen-Treffen auf KI-Anwendungen auf ihren Nutzen im Alltag prüfen. Im Mittelpunkt steht dabei der Austausch auf Augenhöhe. Florian Otto (Gründer und Vorstand von HumanIQ e.V.) spricht in diesem Zusammenhang von den älteren Menschen als „Master of Live“. Sie sind nicht nur die Zielgruppe technologischer Anwendungen, sondern sollten diese aktiv mitgestalten. Die Studierenden übernehmen als „Master of Tomorrow“ eine Rolle als Mentorinnen und Mentoren und erhalten für ihr Engagement ECTS-Credits. Erprobt wurde dieses Konzept unter anderem mit der HTW Berlin, dem Augustinum Kleinmachnow, der Stiftung Digitale Chancen und der Universität Hamburg. Das Ziel ist es, KI-Anwendungen zu entwickeln, die Menschen in ihrem Alltag unterstützen, Sicherheit im Umgang mit neuen Technologien fördern und digitale Überforderung abbauen, anstatt Unsicherheit auszulösen.

SEMECO: Neuroadaptive Hörsysteme

Dr. Anja Hahne (Uniklinikum Dresden) und Franziska Hinz (Barkhausen Institut Dresden) zeigten am Beispiel des Projekts InKomm, wie KI in der Medizintechnik eingesetzt werden kann und wie dabei die Erfahrungen und Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten in den Entwicklungsprozess eingebunden werden. Das Ziel von InKomm ist die Entwicklung eines intelligenten Kommunikationsimplantats, das Menschen helfen soll, Gesprächen auch in lauten Umgebungen besser folgen zu können. Denn gerade in  Situationen, in denen viele Menschen reden, wie z.B. auf Familienfeiern, stoßen herkömmliche Hörgeräte und Cochlea-Implantate an ihre Grenzen, da sie nicht erkennen können, welcher Stimme die betroffene Person folgen möchte. Hier setzt InKomm an: Das geplante System  kombiniert KI-gestützte Sprachtrennung mit Messung von Gehirnsignalen. KI-Algorithmen entwirren viele verschiedene Geräusche in einzelne Sprachquellen. Gleichzeitig werden Hirnsignale mithilfe von Algorithmen ausgewertet, um zu erkennen, auf welche Stimme sich die Aufmerksamkeit der betroffenen Person richtet, damit diese dann verstärkt werden kann.

Das Projekt befindet sich noch in der Entwicklung. Betroffene und weitere potenzielle Nutzende sollen aber schon frühzeitig in einzelne Entwicklungsschritte eingebunden werden, um Prototypen und Funktionen zu erproben, Rückmeldungen zu geben und so die weitere Gestaltung des Systems aktiv mitzugestalten.

CAIS-Forschungsinkubator: Partizipative Digitalforschung

Dr. Tim Wulf vom Center for Advanced Internet Studies (CAIS) beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zivilgesellschaft von Anfang an Forschung aktiv mitgestalten kann. In diesem Zusammenhang stellte er ein fünfstufiges Modell vor, das unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigt, Bürgerinnen und Bürger systematisch in den wissenschaftlichen Prozess einzubeziehen. Dabei reichen die Beteiligungsmöglichkeiten von der gemeinsamen Themenfindung über das Mitformulieren von Forschungsfragen bis hin zur Interpretation der Ergebnisse.  Welche Themen und Beteiligungsformate für ältere Menschen besonders relevant sind wurde ebenfalls thematisiert. So konnten sich die Teilnehmenden der Veranstaltung mithilfe einer interaktiven Umfrage ihre Interessen und Bedürfnisse direkt einbringen. Dabei zeigte sich ein besonderes Interesse an KI-Assistenten, ethischen Fragestellungen, Robotik und der Akzeptanz neuer Technologien.  Als besonders attraktive Formate erwiesen sich z.B. Onlineworkshops und digitale Befragungen. Diese Rückmeldungen geben einen wichtigen Anhaltspunkt dafür, welche Themen und Formate bei der weiteren Gestaltung partizipativer Forschungsangebote berücksichtigt werden sollten.

Der Impuls machte deutlich, dass die Beteiligung an Forschungs- und Entwicklungsprozessen mehr erfordert als die Möglichkeit zur Teilnahme: Entscheidend ist, die Interessen der Menschen ernst zu nehmen, geeignete Beteiligungsformate anzubieten und ihre Beiträge tatsächlich in die Forschung einfließen zu lassen. Gerade bei der Entwicklung von KI-Anwendungen eröffnet sie die Chance, Forschung stärker am Alltag der Menschen auszurichten.


Ergebnisse der interaktiven Umfrage

Ergebnisse der interaktiven Umfrage

Ergebnisse der interaktiven Umfrage

Abschlussdiskussion: Von den Bedürfnissen älterer Menschen zu konkreten Beteiligungspfaden

Wie kann die Beteiligung älterer Menschen an Forschung und technologischer Entwicklung gelingen, wenn bereits der digitale Alltag für viele mit Hürden verbunden ist? Die Diskussion zeigte verschiedene Ansatzpunkte, wie diese Beteiligung erleichtert werden kann:

  • Barrierearme Zugänge schaffen: Verständliche Sprache und niedrigschwellige Informationen helfen, digitale Hürden abzubauen.
  • Begleitete Lern- und Beteiligungsangebote: Kostenlose Kurse und Workshops ermöglichen es, Wissen aufzubauen und eigene Erfahrungen einzubringen.
  • Lokale Strukturen stärken: Kommunen und Wohlfahrtsverbände können insbesondere im ländlichen Raum Anlaufstellen schaffen und gemeinsam etwa mit anliegenden Universitäten oder Hochschulen Beteiligung vor Ort ermöglichen.
  • Verantwortung übernehmen: Forschung aber insbesondere KI-Unternehmen sollten die Bedürfnisse älterer Menschen frühzeitig berücksichtigen und sie aktiv in Entwicklungsprozesse einbeziehen.

Die vorgestellten Projekte bieten unterschiedliche Möglichkeiten, die eigenen Erfahrungen und Perspektiven in Forschung und Entwicklung einzubringen:

  • CAIS-Forschungsprojekte: Wer sich künftig an Forschungsprojekten und Workshops des CAIS beteiligen möchte, kann sich direkt an Dr. Tim Wulf (tim.wulf@cais-research.de) wenden. Hilfreich sind Angeben zu Name, E-Mail-Adresse, Wohnort, sowie aktuelle oder frühere Berufsbezeichnung. So kann das CAIS Interessierte gezielt für zukünftige Projekte ansprechen. Wersich über die Forschungsinitiative informieren möchte, kann außerdem den CAIS-Newsletter beantragen.
  • HumanIQ: Wer Interesse hat, sich an den intergenerationalen KI-Living Labs zu beteiligen und gemeinsam mit Studierenden neue KI-Anwendungen zu erproben und weiterzuentwickeln, kann sich direkt über die Website von HumanIQ über den Verein informieren und findet dort ebenfalls entsprechende Kontaktdaten.
  • SEMECO und InKomm: Weitere Informationen zum Projekt und zu den Entwicklungsvorhaben finden sie auf der SEMECO-Website. Insbesondere Menschen mit Hörbeeinträchtigung und Personen, die mit ihnen arbeiten, können hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie ihre Erfahrungen und Bedürfnisse in die Entwicklung neuer Hörtechnologien einbringen. Melden Sie sich gerne bei den Projektverantwortlichen.

Am ersten Tag der KoKIA-Herbstakademie wurde deutlich: Menschenzentrierte KI kann nur dann gelingen, wenn das Erfahrungswissen und die gesunde Skepsis älterer Menschen von der ersten Idee an in Forschung und Entwicklung einfließen.

Ein herzlicher Dank gilt allen Referierenden für die vielfältigen Impulse und Einblicke, den Teilnehmenden für den offenen Austausch und die lebhaften Diskussionen sowie der Moderatorin für die engagierte Begleitung durch den Tag. Ebenso bedanken wir uns bei allen Beteiligten, die diesen Auftakt der KoKIA-Herbstakademie möglich gemacht haben.

Hier geht es zum Rückblich Tag 2 – KI und Medienkompetenz

Hier geht es zum Rückblich Tag 3 – KI im Gesundheitsbereich

Über die Autoren

Alexander Engel
Projektleitung
Johanna Schnitzler
Studentische Hilfskraft

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